Gastbeitrag Speiseinsekten: Nachhaltigkeit in drei Gängen

Gastbeitrag Speiseinsekten: Nachhaltigkeit in drei Gängen Über Tim , einen meiner Twitterfollower wurde ich auf eine Anfrage von Sal au...

Gastbeitrag Speiseinsekten: Nachhaltigkeit in drei Gängen
Gastbeitrag Speiseinsekten: Nachhaltigkeit in drei Gängen
Über Tim, einen meiner Twitterfollower wurde ich auf eine Anfrage von Sal aufmerksam gemacht: Es ging um Insekten und Essen - also Speiseinsekten. Mein erster Gedanke war: "Iiih." Und mein zweiter Gedanke: "Oh nein, das sind ja auch tote Tiere." Dann habe ich mich aber mal mit dem Thema auseinandergesetzt und erkannt, dass es im Gegensatz zum Fleischverzehr durchaus sinnvoll sein kann, Insekten zu essen. Wie ihr wisst, esse ich derzeit kein Fleisch. Dafür gibt es mehrere Gründe aber vorrangig ist es bei mir ein Beitrag zum Umweltschutz. Gerade deswegen fand ich die Infos, die ich zum Verzehr von Insekten fand so spannend. Das Letzte, was mir einfallen würde, wäre es irgendwem vorzuschreiben, was er essen soll und was nicht und warum. Ob ich selbst einmal kleine Würmchen essen werde, lasse ich mal offen.

Vielen Dank an Sal, dass du diesen Gastbeitrag so schön informativ aufgearbeitet hast.

Zur Person

Sal ist irgendetwas mit 20+ in Jahren alt und bloggt normalerweise auf w6 vs. w12 über Pen&Paper-Rollenspiele und diskutiert als @w6vsw12 gerne seine Hobbies auf Twitter. Abseits des Bildschirms studiert er Philosophie in München, liebt Technik sowie die utopischen Möglichkeiten und aufregenden Erfindungen unserer Zeit. Abseits von Insekten liebt er Kässpatzn und Kaffee auf dem Speiseplan.

Als ein Freund geröstete Insekten aus Thailand mitgebracht hat, ist mein Interesse an Speiseinsekten erwacht – also Insekten, die zum Verzehr gezüchtet und verarbeitet werden. Insekten sind fester Bestandteil des Speiseplans bei über zwei Milliarden Menschen im asiatischen und afrikanischen Kulturraum. Einige Gründe sprechen dafür, Insekten in den Ernährungsplan aufzunehmen und im Gegenzug den Fleischkonsum zu reduzieren. Mit einem Freund habe ich mir die Zeit für ein dreigängiges Menü genommen, um ihre Eignung selbst auszuprobieren, und möchte meine Eindrücke teilen.

Vorweg lohnen sich einige Vorbetrachtungen, warum wir überhaupt über Insekten nachdenken sollten. Während Insekten in der europäischen Antike bei den Griechen und Römern noch als Delikatessen gehandelt wurden, sind sie in Europa heutzutage überwiegend verpönt. Dabei war noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Maikäfersuppe in Deutschland und Frankreich verbreitet.

Insekten als nachhaltiger Fleischersatz

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nation (FAO) bewirbt Insekten bereits seit längeren, als Nahrungsmittel der Zukunft. Die Gründe dafür sind einfach: Für viele Menschen ist Fleisch heute einer der wichtigsten Eiweißquellen. Der typische Fleischkonsum ist allerdings mit einer überhöhten Zufuhr an Fett und Cholesterin verbunden. Insekten sind hingegen hervorragende Proteinlieferanten, die darüber hinaus viele Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Fett und Cholesterin spielen bei ihrem Verzehr hingegen keine Rolle. Streng genommen ist ihr Verzehr nicht vegetarisch, kann aber eine Alternative sein, um den Fleischkonsum zu reduzieren.

Etwa 70 % aller Agrarflächen werden daher heute für die Viehzucht und die Futtermittelproduktion belegt. Die Insektenzucht braucht deutlich weniger Platz als die Zucht von Nutztieren, wie Rindern, Schweinen und Hühnern. Außerdem kann sie fast überallhin verlegt werden, selbst wenn der Boden unfruchtbar ist, sodass wertvolle Landfläche frei würde, die effizient genutzt werden könnte.

Gefördert wird diese Platzersparnis dadurch, dass Insekten Nahrung ihre Nahrung effizienter verwerten können, als wechselwarme Säugetiere und Vögel. Ein Maßstab dafür ist die Umwandlungsrate von Futter zu Fleisch, das heißt, wie viel Futter benötigt wird, um 1kg Gewichtszunahme zu erlangen. Rinder benötigen beispielsweise 8kg Futtermittel, um 1kg Fleisch zu zulegen. Insekten erreichen die gleiche Gewichtszunahme bei lediglich einem Viertel der Futtermenge. Das reduziert die belegte Agrarfläche für ihre Ernährung deutlich.

Neben Landfläche schonen Insekten auch Ressourcen, wie Wasser. 8l Wasser benötigten Insekten pro kg ihrer Zucht, die bei ihrer Ernährung zu guten Teilen über Feuchtfutter wie Obst aufgenommen werden. Rinder benötigten fast 2.000-mal mehr Wasser während sie aufgezogen werden. Ebenso schonend sind Insekten für die Luft, weil Treibhausgase bei der Tierzucht nicht zu vermeiden sind. Je nach Vergleichstier sinkt der Treibhausgas-Ausstoß bei Insekten auf ein Zehntel bis ein Hundertstel gegenüber Schweinen, Rindern und Hühnern.

Insektengerichte im Selbsttest

Natürlich soll Essen auch schmecken und das tun Insekten. Wir haben uns für drei Gerichte entschieden, die jeweils eine andere Insektenart beinhalten. Für den professionellen Rückhalt haben wir ein Starterset von Snack-Insects genutzt, das aus einem Kochbuch und drei Reagenzgläsern mit gefriergetrockneten Insekten besteht. Gefriergetrocknete Insekten haben einen Vorteil für Tierliebhaber: Im Gegensatz zu gängigen Schlachtprozessen werden Insekten lediglich abgekühlt bis sie in Kältestarre verfallen. Anschließend kann man sie einfrieren, wodurch sie nicht mehr erwachen, ohne dabei etwas zu spüren.

Starterset von Snack insect
Starterset von Snack-Insects

Vorspeise: Frittierte Heuschrecken mit Limetten-Dip

Den Anfang machten Heuschrecken, die wir frittiert und uns mit selbstgemachten Limetten-Dip serviert haben. Konkret handelte es sich bei dem Dip um Mayonnaise, die mit Limettensaft und geriebenen Zitronenschalen einen fruchtigen Touch bekommen hat. Zur Abrundung diente etwas Cayennepfeffer. Die Heuschrecken wurden hingegen in Sesamöl frittiert und mit Chili und Salz gewürzt.

Der Einstieg war motivierend. Obwohl wir die Heuschrecken etwas zu lang frittiert haben, waren sie geschmacklich in Ordnung. Die Heuschrecken selbst waren sehr dezent, haben sich aber mit dem Dip sehr gut ergänzt. Leider hatten wir nur eine gute Handvoll, aber in größeren Mengen würde ich wohl auf den Dip verzichten und sie ohne Bedenken neben Chips und Erdnüssen zum Knabbern zubereiten.

Die Zubereitung selbst ist denkbar einfach. Sie werden zwar mit Flügeln und Beinen geliefert, die man entfernen muss, aber das geht denkbar zügig. Im gefriergetrockneten Zustand sind sie sehr trocken und brechen leicht, aber mit etwas Vorsichtig lassen sie sich im Ganzen schälen.

Vorspeise: Frittierte Heuschrecken mit Limetten-Dip
Vorspeise: Frittierte Heuschrecken mit Limetten-Dip

Hauptspeise: Reiberdatschi mit Buffalowürmern

Etwas aufwändiger war der Hauptgang: Reiberdatschi (Kartoffelpuffer) mit Buffalowürmern. Allerdings nicht wesentlich umständlicher als das insektenfreie Original. Die Würmer müssen lediglich kurz angeröstet werden, ehe sie unter die Rohmasse gerührt werden, wodurch sie ihren Geschmack besser entfalten. Dazu gab es einen Sauerrahmdip mit Gartenkräutern. Wir haben die Würmer nur unter ein Drittel der Reiberdatschi gemischt, um das Mengenverhältnis zu wahren. Dadurch hatten wir aber auch einen gezielten Geschmacksvergleich.

Der direkte Vergleich ist in meinen Augen eine sehr gute Wahl für jeden, der es selbst ausprobiert. Der Geschmack der Buffalowürmer ist deutlich kräftiger als der Geschmack der Heuschrecken. Die wurmlosen Reiberdatschi wirkten daher im direkten Vergleich etwas fad, während die Würmer den Geschmack hervorragenden abgerundet haben. Süße Varianten mit Apfelmus oder Preiselbeeren wären zweifellos ebenso gut geeignet.
Hauptspeise: Reiberdatschi mit Buffalowürmern
Hauptspeise: Reiberdatschi mit Buffalowürmern


Nachspeise: Schoko-Berge mit Mehlwürmern und Erdbeersalat

 

Süß wurde bei uns erst die Nachspeise, bei der wir zu Schoko-Bergen mit Mehlwürmern und Erdbeersalat auserkoren haben. Für die Zubereitung wurden die Mehlwürmer mit Mandeln angeröstet und anschließend in geschmolzene Kuvertüre (bei uns zartbitter) gerührt. Als kleine Häufchen durften sie anschließend abkühlen, während wir die Erdbeeren geschnitten und mit Balsamico, Pfeffer, Salz und etwas Honig mischten.

Wir haben uns dabei an das Rezept gehalten, um das Verhältnis von Würmern und Schokolade korrekt hinzubekommen, hätten aber locker die doppelte Menge Kuvertüre nutzen können. Der Geschmack der Mehlwürmer war so stark, dass jede Vollnuss-Schokolade dagegen alt ausgesehen hätte. Die Kuvertüre war eine zartbittere Note, während man die Mandeln nur am Rande geschmeckt hat. Das hat allerdings hervorragend zum Erdbeersalat gepasst. Klassische, gezuckerte Erdbeeren wären sicherlich eine Alternative, aber mir persönlich insgesamt zu süß geworden.

Nachspeise: Schoko-Berge mit Mehlwürmern und Erdbeersalat
Nachspeise: Schoko-Berge mit Mehlwürmern und Erdbeersalat
Speiseinsekten im Urteil

Der Geschmack von Insekten wird allgemein als nussig beschrieben. Die drei Gerichte haben mir aber gezeigt, dass das nur eine Annäherung an die mögliche Geschmacksvielfalt sein kann. Mich haben die Insekten überzeugt und ich kann es jedem ans Herz legen, den Kopf zu überwinden und es selbst auszuprobieren. Die mögliche Verarbeitung von Speiseinsekten ist unglaublich vielfältig. Für mich sind sie eine klare Alternative für Fleisch als gesunde Proteinlieferanten. Ich warte bereits auf den Nachschub.

Wem Insekten zu eklig erscheinen, der sollte sich ein paar Dinge ins Gedächtnis rufen: Der rote Farbstoff Karmin (E120) wird aus getrockneten Schildläusen gewonnen und findet sich bereits heute in Süßigkeiten, Spirituosen, Marmeladen und sogar Lippenstiften wieder. Weiterhin sind Insekten bereits heute für zahlreiche Menschen Ernährungswirklichkeit und ihre Zucht erfolgt in kontrollierten Umgebungen.

Einige interessante Rezepte für das Kochen mit Insekten gibt es online bei Snack-Insects. Wer neugierig geworden ist, findet dort Rezepte und Videos zum Kochen mit Insekten.

Zum Abschluss geht mein Dank an Lisa. Sie war diesem Gastbeitrag gegenüber aufgeschlossen und hat mir den Platz eingeräumt, um von meinen Eindrücken zu berichten. Vielen lieben Dank dafür.

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1 Kommentare

  1. Grundsätzlich finde ich das total interessant auch die Argumentation der Wirtschaftlichkeit, aber ich habe mir die Preise angesehen und mir ist es einfach zu teuer, was wahrscheinlich daran liegt, dass der Markt dafür noch nicht wirklich da ist. Da muss jetzt einer wirklich hart am Ball bleiben. Ich habe selbst ein oft so verschrienes "Eckel-Produkt", dass ich nebenbei vertrete: MonthlyCup - eine tolle Sache für Frauen, aber viele haben da noch Berührungs-Ängste. Liebe Grüße, Ella

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